Geschichte

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Die Entwicklung des Strafvollzugs im Kanton Schaffhausen
(Ein Auszug aus der Diplomarbeit von Marin Popic, Aufseher / Betreuer-KGS)

Bis zum Beginn des vorletzten Jahrhunderts waren Bau und Unterhalt von Zuchthäusern für Schaffhausen keine kostspieligen Aufgaben, denn das Einsperren und der Versuch zur Besserung von Rechtsbrechern ist im Wesentlichen eine moderne Strafart. Unsere Vorfahren wollten von einem jahrelangem „Pflegen und Füttern“ der Delinquenten nichts wissen. Sie wendeten bei geringeren Verbrechen die Ehrenstrafen an: den Pranger, das Halseisen, die Halsgeige für "zänkische Weiber", den Lasterstein, und vor allem waren sie mit dem Prügeln sehr freigebig. Mit Dieben, den meist verbreiteten Delinquenten, machte man kurzen Prozess und verurteilte sie zum Tod. Vollzogen wurde die letzte Hinrichtung 1847 auf dem Köpferplatz oberhalb des Storchens.

Eine grosse Rolle spielte bis in die neuere Zeit hinein die Verbannung. Der Verbannte musste schwören, das Gebiet der Stadt Schaffhausen nicht mehr zu betreten. Brach er das Gelübde, war er in der Regel der Todesstrafe verfallen. Dieses System kostete damals nicht viel, hatte aber den Nachteil, dass sich die Ausgestossenen zu Strassenräuber-Banden zusammenschlossen und zu erbitterten Feinden der Ordnung wurden. Es ergab sich ausserhalb der Stadtmauer eine grosse Unsicherheit, weil die Zahl von Überfällen anstieg und diese mit zunehmender Brutalität ausgeführt wurden. Nicht zuletzt trug diese kurzsichtige „Rechtspflege“ zu vielen traurigen Verhältnissen bei. Später wurden die Delinquenten auf die Galeeren geschickt, was der Stadt Schaffhausen gewisse Einnahmen brachte.

Für die Untersuchungshaft und Verbüssung kurzer Strafen wurden in Schaffhausen einige Wehrtürme benützt, die der Stadtfestigung dienten. Davon bekamen die beiden Diebestürme ihre Namen: der obere, Neustadt 33, ein aus der Stadtmauer hervortretender Rundturm, und der untere Diebesturm, Neustadt 13, beim „Haus zum Schleifstein“, steht heute noch als markanter Zeuge früherer Zeiten. Von hier aus wurden die Delinquenten gefesselt zum Rathaus oder in die Folterkammer des Spitals gebracht.

Der Finsterwaldturm, eine seitliche Verstärkung des „Schwabentores“ an der heutigen Ecke Bahnhofstrasse-Adlerstrasse, war der Kerker für Ehebrecher, die hier bei Wasser und Brot in einem jämmerlichen Loch Enthaltsamkeit übten. Der Pulverturm am Gerberbach, einst ein Magazin für Waffen und Munition, wurde erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Gefängnis eingerichtet.

Immerhin gab es auch in Schaffhausen vereinzelte Fälle, wo die Delinquenten unter besonderen Umständen nicht zum Tod, zur Verbannung oder zu einer Ehrenstrafe, sondern zu längerem Freiheitsentzug verurteilt wurden. Für solche Leute diente das Spital, das städtische Pfrund-, Armen-, Waisen- und Irrenhaus, auch als Strafanstalt.

Die Gefangenen wurden aus der Spitalküche verpflegt und unterstanden dem gleichen Zuchtmeister, der die Aufsicht über die Kranken, Waisen und Geistesgestörten hatte. Wer sich renitent zeigte oder eine Zusatzstrafe benötigte, erhielt sogleich eine Tracht Prügel.

Die männlichen Insassen arbeiteten im Schellenwerk und wurden in Ketten und Zuchthauskleidern in den städtischen Steinbruch zur Arbeit geführt. Die Frauen wurden mit Spinnen und Stricken beschäftigt. Zur damaligen Zeit gab es für Häftlinge weder eine ärztliche Betreuung noch einen "Sozialdienst". Einzig der Spitalgeistliche nahm die Funktion einer gewissen Betreuung wahr. Im Spitalgebäude am Gerberbach befand sich in einem besonderen Raum eine Folterkammer. Der Folterknecht war zugleich auch der Scharfrichter.

Unter dem Einfluss der Aufklärung und einer gewissen Humanisierung des Strafprozesses wurde auch in Schaffhausen das Foltern seltener. Formell beseitigt wurde es erst durch Beschluss des helvetischen Direktoriums im Jahre 1798.

Im Jahre 1805 schloss die Schaffhauser Regierung mit dem Grafen Franz Ludwig Schenk von Castell, dem „Malefizschenk“, einen Vertrag, wonach längere Freiheitsstrafen für schwere Verbrechen in Oberdischingen (Württemberg) verbüsst werden mussten. Schon nach wenigen Jahren kam aber von dort der Bericht, das Zuchthaus werde aufgehoben, und Schaffhausen wurde gebeten seine Sträflinge wieder abzuholen. Nun standen Stadt und Kanton vor der Aufgabe, ein neues Gefängnis zu schaffen.

Die Zustände im alten Spitalgebäude waren unhaltbar geworden. Die Sterblichkeit unter den Häftlingen war sehr gross, da die elementarsten hygienischen Voraussetzungen fehlten und die Zellen unmittelbar über der Abfallgrube des Spitals lagen. Die Lösung wurde in einem Neubau zwischen der heutigen Pfarrhausgasse und dem städtischen Altersheim gefunden. Trotz verbesserten Verhältnissen blieb die Behandlung der Gefangenen nach unseren heutigen Begriffen unmenschlich. Noch waren die Prügel mit dem Stock oder dem Hagenschwanz üblich. Prügel wurden fast in allen schwereren Diebstahlfällen, namentlich im Rückfall, bei Haus- und Marktdiebstählen usw., verabreicht, und zwar 6, 12, 20, 24, 25, 30, 40 bis 60 Streiche. Eine Brandstifterin wurde 1826 zu 20 Jahren Arbeitshaus verurteilt mit der Bestimmung, dass ihr je am Jahrestag ihrer Tat eine Tracht Prügel verabreicht werden solle. Erst das neue Strafgesetz vom 3. April 1859 schaffte im Kanton Schaffhausen die Prügelstrafe ab. Viel zur Vermenschlichung des Strafvollzugs trug Direktor Hans Wilhelm Harder (1810-1872) bei, der Verbesserungsvorschläge einreichte und die regelmässige ärztliche Betreuung durchsetzte.

Im Frühjahr 1850 beschloss der Grosse Rat, zwei Zwangsanstalten zu errichten, eine für Männer und eine für Frauen, die den Zweck hatten, verwahrloste, straffällige, jedoch arbeitsfähige Menschen beiderlei Geschlechtes zu bessern und an den geregelten Lebenswandel zu gewöhnen. Die Anstalt im Griesbacherhof wurde 1852 eröffnet. Bald erwies sich aber, dass die Schaffhauser die Schwierigkeiten der Führung einer Zwangsanstalt unterschätzt hatten und die Häftlinge immer wieder ausrissen. Die Aufsicht in der Sträflingskolonie Griesbach war fast unmöglich, und deshalb wurde das Experiment nach wenigen Jahren wieder aufgegeben. Die „Zwangsanstalt für Weiber“ kam nie zustande, und das bereits erworbene Schwesternhaus an der Repfergasse wurde wieder verkauft.

Das heutige Kantonale Gefängnis wurde dann im Jahre 1912-1914 über den Gewölben des abgebrochenen Salzhauses gebaut. Es dient heute dem Vollzug der verschiedenen Haftformen wie Polizei-, Untersuchungs-, Auslieferungs-, Ausschaffungs-, Halbgefangenschaft, Einschliessung für Jugendliche, Strafvollzug bis 6 Monate für Straftäterinnen und Straftäter. Für einen längeren Freiheitsentzug kommen die Verurteilten gemäss Ostschweizerischem Strafvollzugskonkordat in dafür geeignete Anstalten, wie zum Beispiel Pöschwies (Zuchthaus) oder Saxerriet (offene Anstalt). Das Kantonale Gefängnis ist eine geschlossene Anstalt, und viele Insassen verbringen 23 Stunden isoliert in ihrer Zelle. Insgesamt zehn Mitarbeiter (1 Verwalter, 1 Oberaufseher, 8 AufseherInnen/BetreuerInnen) sind im Gefängnis Schaffhausen für die Sicherheit und die Betreuung der Insassen verantwortlich. Sie arbeiten in mehreren Schichten und stellen so einen geregelten Vollzugsalltag sicher.